Forschen kann so toll sein

Im Augenblick habe ich Urlaub. Also: Ich gehe nicht arbeiten. Meine so gewonnene Freizeit nutze ich dann also, um da Fortschritte zu machen, wo ich eigentlich meine Priorität setzen möchte.1
Ich war also heute in der Bibliothek um für ein Seminar ein barockes Flugblatt zu bearbeiten. Weiter kein Problem, ich hab das Flugblatt als Datei auf dem Laptop und ich weiß auch von einigen Büchern, die sich mit Flugblättern allgemein und diesem Flugblatt im besonderen befassen. Also schnell nachgeschaut: Referenzbuch A2 behauptet, dass das mir vorliegende Flugblatt gar kein Fragment ist, wie in Referenzbuch B3 behauptet wird, sondern es sich vielmehr um einen eigenständigen Text handelt, den ein gewisser Johann Rist in seiner musa teutonica veröffentlicht hätte. Ein Problem, dass ich durch die Politik des full disclosure lösen kann: Wenn es nicht zu klären ist, schreibt man halt, dass es nicht zu klären ist.
Immerhin bestand Einigkeit, dass das mir vorliegende Blatt im Jahr 1633 in Leipzig verlegt wurde, und zwar von einem Hans Jacob Gabler. So steht es auch auf dem Blatt selbst. Gabler, so klärte mich das Das Verzeichnis der im deutschen Sprachraum erschienenen Drucke des 17. Jahrhunderts, kurz VD17 auf, war ein deutscher Kupferstecher, der bis 1640 gelebt hat. Da er aber auch als Verleger tätig war, ging ich daran seine Lebensdaten zu überprüfen, denn Vollständigkeit ist aller Laster Anfang, oder so ähnlich. Da gibt es nun zwei Bücher (in der Bibliothek meiner Universität jedenfalls nur diese beiden), die aufeinander basieren.4 Wie sich natürlich gehört, war der Herr Gabler weder in Benzings Werk noch in der erweiterten Variante von Reske. Nun ist es ja ausreichend, wenn ich eine reputable Quelle wie das VD17 habe um die Lebensdaten des Gabler zu belegen. Auch stimmen die Zeitdaten für seine Tätigkeit gut mit meinem Blatt überein: Bis 1630 war er in Augsburg tätig und dann von 1632 in Leipzig als Verleger. So wäre zumindest hier geklärt, dass der Gabler das Blatt verlegt haben kann, auch wenn er im Buchdruckerverzeichnis nicht auftaucht. Dass er dort nicht auftaucht, könnte damit zusammenhängen, dass er tatsächlich lediglich als Verleger des Blattes gesehen wird. Es ist also schwierig hier zu einer Erkenntnis zu gelangen.

Aber nun zurück zur Fragmentproblematik. Während die Dt.Illus.Fb. behaupten, der Text gehöre nicht zu dem dort abgebildeten Bild, findet sich in den Broadsheets eine Abbildung, die meinen Text und den in den Dt.Illus.Fb. gezeigten Stich auf einem Blatt darstellt, ohne dass offensichtlich eine Naht oder ein sonstiger Hinweis auf ein Nichtzusammengehören vorhanden sind. Zwar sind es selbstverständlich zwei verschiedene Druckplatten, da es sich um eine Radierung und beim Text um Typendruck handelt, allerdings ist nicht zu behaupten, die beiden Blätter gehörten grundsätzlich nicht zusammen. Es ist aber natürlich möglich, dass der Stich auch separat vertrieben wurde. Das kann – je nach Lesart – in den Dt.Illus.Fb. auch gemeint sein.

In den Dt.Illus.Fb. wird die Behauptung aufgestellt, es handele sich um einen Text von Johannes Rist. Mit dieser Behauptung wird dann auch belegt, dass Bild und Text ursprünglich getrennt konzipiert wurden. Allerdings… Rists Werke sind 1967, zu seinem 300. Todestag in einer Gesamtausgabe erschienen, die allerdings vermutlich nicht zu Ende geführt wurde. Denn die Gesamtausgabe enthält überhaupt keine Dichtung, obwohl Rist unzweifelhaft Gedichte verfasst hat. In seinem Band musa teutonica soll eben auch der Text meines Fragments enthalten sein. Dank dem Wunder des Internet konnte ich mir nun das Werk herunterladen, aber was soll ich sagen. Ich fand zwar ein langes (achtseitiges) Trauerlied für Gustav Adolf, aber eben nicht das in meinem Fragment gedruckte.

So hat sich also nun eine einfache Aufgabe – Kommentierung eines Flugblattfragments – in ein etwas komplexeres Unterfangen verwandelt, weil ich die Quellen nicht nachvollziehen kann.

Ist wissenschaftlich arbeiten nicht großartig?

  1. But a guy’s gotta eat, you know? []
  2. Deutsche illustrierte Flugblätter des 17. Jahrhunderts, Band IV []
  3. German Political Broadsheets of the 16th and 17th Century []
  4. Die Buchdrucker des 16. und 17. Jahrhunderts im deutschen Sprachgebiet, von Benzing bzw. Reske []
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